Wie geht es der Primus-Schule Berg Fidel?

Interview mit Dr. Irmgard Schnell, Institut für Sonderpädagogik an der Uni Frankfurt
Primus Schule Münster

Diese Frage stellte Brigitte Schumann in einem Interview Dr. Irmtraud Schnell: Sie lehrt und forscht - zuletzt am Institut für Sonderpädagogik der Goethe-Universität Frankfurt - zu rechtlichen, bildungspolitischen und pädagogischen Fragen der Inklusion, vor allem zu inklusiven Entwicklungen in Schulen. Dr. Schnell begleitet die Schule Berg Fidel seit vielen Jahren.

Schumann: Frau Dr. Schnell, die ehemalige Grundschule Berg Fidel ist mit sehr viel öffentlicher Unterstützung und politischem Druck als Primus-Schule neu gegründet worden und als eine von insgesamt fünf Modellversuchsschulen des Landes 2014/15 an den Start gegangen. Wie muss man sich die Primus-Schule nach gut einem Jahr Arbeit heute vorstellen?

Schnell: Zum einen haben im vergangenen Schuljahr 14/15 die ersten Schülerinnen und –schüler ihre Schulzeit in der Grundstufe der Primus-Schule angefangen. Sie lernen dort in altersgemischten inklusiven Klassen am Standort Berg Fidel, der weit über die Grenzen Münsters hinaus pädagogische Anerkennung genießt. Zum anderen hat die Arbeit mit den fünften Klassen am Standort Geist begonnen. Nach anfänglichen räumlichen Engpässen hat sich die pädagogische Arbeit gut etabliert. Die zentralen konzeptionellen Bestandteile wie Inklusion, Altersmischung, Subjekt- und Projektorientierung des Lernens werden dort weitergeführt und weiterentwickelt.

Schumann: Sie haben sich persönlich sehr stark für dieses Projekt engagiert. Was hat Sie dazu bewogen?

Es gibt verschiedene Gründe für mein Engagement: Ich kenne die Grundschule Berg Fidel seit vielen Jahren, weil ich mit Studierenden der Universität Frankfurt regelmäßig für ein paar Tage dort hospitiert habe. Die angehenden Sonderpädagoginnen und – pädagogen sollten eine inklusive Schule kennenlernen, denn das wird ihr Arbeitsplatz werden. Was den Studentinnen und Studenten, die alle schon Schulpraxis hatten, auffiel, war die Ruhe, in der die Kinder arbeiteten, ihre große Selbständigkeit und die Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft, in der sie sich begegneten. Mich hat am meisten die Ausstrahlung der Kinder beeindruckt, die offenbar – unabhängig von ihren Ausgangslagen – sich in der Pädagogik der Würdigung eben dieser Ausgangslagen zu kleinen Persönlichkeiten entwickeln können. Sie sind sich ihrer selbst bewusst und lernen gerne. Mit der Primus-Schule gibt es jetzt die Möglichkeit, diese Lernkultur auch nach der Grundschule fortzusetzen. Die herkömmliche frühe Verteilung auf unterschiedliche Schulformen entfällt. Sie ist den Kindern gegenüber ungerecht, sie führt häufig zu Brüchen in der Lernbiografie und ist letztlich Ursache dafür, dass sich ihre Potentiale nicht entfalten können. Wie wenig sich das bestehende selektive Schulsystem an die Kinder anpasst, die besondere Fähigkeiten oder Einschränkungen haben, hat der Film Berg Fidel auf drastische Weise gezeigt.

Schumann: Es gibt Menschen, die sich z.B. altersgemischtes Lernen für die Grundschule noch vorstellen können, aber bezweifeln, dass dieses Prinzip sinnvoll angewendet werden kann in den höheren Jahrgängen, wo doch Leistungsnachweise und Abschlüsse eine immer größere Rolle spielen. Was sagen Sie den Skeptikern?

In der Tat ist das altersgemischte Lernen in der Sekundarstufe noch nicht weit verbreitet und es gibt meinem Überblick nach noch wenig Forschung dazu. Allerdings gibt es wunderbare Praxisbeispiele, wie das altersgemischte Lernen gerade in der Sekundarstufe zu erstaunlichen Ergebnissen führt – z.B. in der Montessori-Schule in Potsdam oder in der Jenaplan-Schule in Jena oder in der Laborschule Bielefeld. Von dort gibt es viele Anregungen, die auch niedergeschrieben sind. Da beim altersgemischten Lernen nicht alle Schülerinnen und Schüler zur gleichen Zeit den gleichen Unterrichtsstoff bewältigen (können), ist der Unterricht im 45-Minuten Takt nicht mehr angebracht. Stattdessen gibt es Phasen der freien Arbeit, in der die Schülerinnen und Schüler in den Fächern Mathematik, Deutsch und Fremdsprachen – ausgehend von ihrem jeweiligen Lernstand – mit ihren Materialien arbeiten, und Phasen, in denen sie gemeinsam in Gruppen an Projekten lernen. Die Lehrerinnen und Lehrer erweitern ihre Unterrichtskonzepte des Lehrens und Instruierens um die des Beratens und Begleitens von individuellen Lernprozessen. Das ist, nach allem, was wir über das Gelingen in Schulen und über class-room-management wissen, ein gutes Konzept. Auch die Schulen des Deutschen Schulpreises arbeiten nach ähnlichen Kriterien. Seit diesem Schuljahr arbeiten in den Klassen 5 und 6 die Schülerinnen und Schüler zweier Schuljahrgänge zusammen und die Lehrkräfte sehen schon jetzt den Gewinn gegenüber dem jahrgangsbezogenen Lernen.

Schumann: Welche weiteren Unterschiede zu den üblichen Lernkonzeptionen an den weiterführenden Schulen sind vorgesehen?

Viele Gesamtschulen, z.B. die Gesamtschule Berlin-Mitte oder die Gesamtschulen Max Brauer und Winterhude in Hamburg haben weitere Konzepte gerade für die Altersgruppe der 13 - bis 15-Jährigen entwickelt, die die Primus-Schule Münster aufgreift. Wenn Schulen der Altersphase der Jugendlichen gerecht werden wollen, müssen sie Schule ganz anders denken. Die Primus-Schule wird sehr früh und auf die einzelnen Schülerinnen und Schüler bezogene Begegnungen mit dem Berufsleben ermöglichen. Die Vorbereitung darauf findet in der Schule statt, die Praxis in Betrieben. Es wird das Projekt "Herausforderungen" geben, wo die Jugendlichen sich in zwei- bis dreiwöchigen Aktivitäten außerhalb der Schule bewähren, z.B. auf einem Bauernhof arbeiten oder eine selbst organisierte Fahrrad- oder Kanu-Tour unternehmen – natürlich mit angemessener Begleitung eines Erwachsenen. Für die Älteren ist ein Auslandsaufenthalt geplant. Alle diese Projekte dienen der Begegnung mit dem Erwachsenenleben, dem Selbständig-Werden, der Erprobung, Vergewisserung und bewussten Erweiterung der eigenen Fähigkeiten.

Schumann: Der Modellversuch sieht durchgängiges Lernen bis zur 10. Klasse vor. Warum besteht die Schule so sehr auf dem Konzept von 1-13?

"Für uns kommt nur 1 – 13 in Frage". So lautete die Überschrift eines Posters auf dem pädagogischen Tag des Kollegiums, der den großen Kongress 2012 auswertete. In der Tat ist für Eltern und Kinder ein hochwertiger Schulabschluss von großer Bedeutung, weil er viele Berufswege ermöglicht. Von daher müssen Schulen für Alle, die neben dem Gymnasium bestehen wollen und sollen, eine eigene Oberstufe anbieten können. Der Schulträger hat dafür gesorgt, dass es jetzt schon Kooperationsverträge mit einem Berufskolleg und einem Gymnasium gibt, wo die Schülerinnen und Schüler bei entsprechenden Qualifikationen ihre Schullaufbahn nach Klasse 10 fortsetzen können.

Schumann: Inklusion wird in Berg Fidel schon seit langem gelebt. Was können andere Schulen von dieser Schule lernen?

Normen in den Köpfen von Lehrkräften, orientiert an Normalitätsvorstellungen der Mittelschicht, stellen Barrieren für diejenigen Schülerinnen und Schüler dar, die in ihrem Verhalten und in ihren Leistungen entweder darüber hinauswachsen oder ihnen nicht entsprechen (können). Beides kann zu Lernunlust und Schulversagen führen. Mein Eindruck ist, dass die Lehrkräfte in der Primus-Schule anders denken: Jedes, wirklich jedes Kind soll seine Potentiale hier entfalten können. Dieses Denken ist der Vorstellung verpflichtet, dass Schulen in einer demokratisch verfassten Gesellschaft allen Kindern gerecht werden müssen, nicht nur den Kindern bestimmter gesellschaftlicher Gruppen. Dazu braucht es pädagogische Kompetenz, Empathie und Habitussensibilität. Diese Überzeugungen müssen dann allerdings mit den nötigen personellen, räumlichen und materiellen Ressourcen unterfüttert werden. Im (oft vergeblichen) Kampf darum wird viel Energie verschleudert. Meine Erfahrung in Fortbildungen, die ich in Schulen anbiete, ist aber die, dass vielen Lehrkräften, die ja selbst das gegliederte Schulsystem mit mehr oder weniger Mühe und Erfolg durchlaufen haben, die Funktion der Schule, zur gesellschaftlichen Gerechtigkeit beizutragen, nicht als zentrale Aufgabe erscheint.

Schumann: Der Lackmustest einer guten Schule ist ganz eindeutig die Zufriedenheit der Schulgemeinde. Wie kommt denn das Primuskonzept bei Schülerinnen und Schülern, Eltern und Lehrkräften nach Ihrem Kenntnistand an?

Die Eltern, deren Kinder die Primus-Schule besuchen, sind sehr einverstanden mit dem Konzept der Schule und vertreten es bei verschiedenen Gelegenheiten auch außerhalb der Schule. Sie stellen fest, dass ihre Kinder das Lernen ernst nehmen und gerne lernen. Sie bedauern, dass die Schule offenbar in Münster noch wenig bekannt ist, obwohl sogar der Oberbürgermeister Lewe sie für eine "Schule der Zukunft" hält. Die Lehrkräfte haben sich zu guten Teams entwickelt, die gemeinsam die pädagogischen Aufgaben gestalten – Teamwork ist z.B. wichtig, wenn es um Absprachen geht, die den Unterricht das Schulleben betreffen, aber natürlich auch im Hinblick auf die Beobachtung der Lernentwicklung von Schülerinnen und Schülern und nicht zuletzt in der Planung von fachübergreifenden Projekten, die in der Primus-Schule eine große Rolle spielen. Eine offizielle systematische Befragung der Schülerinnen und Schüler hat meiner Kenntnis nach noch nicht stattgefunden, aber die, die ich befragt habe, weil ich sie schon lange kenne, identifizieren sich ganz mit ihrer Schule.

Schumann: Ich erwähnte eingangs, dass der Start der Primus-Schule in Münster geradezu durchgeboxt werden musste. Wie stehen Land und Schulträger heute zu der Primus-Schule?

In einer Veranstaltung der Schule für den Rat der Stadt wurde deutlich, dass sowohl der Vertreter der Bezirksregierung als auch der zuständige Dezernent für Schule der Stadt Münster, die sich beide vor Ort einen positiven Eindruck von der Schule gemacht haben, die Primus-Schule unterstützen; das Land tut es ohnehin. Es bleibt aber die Frage, wie die Öffentlichkeit und vor allem die Münsteraner Eltern über die Schule informiert werden. Z.B. kennen längst nicht alle Erzieher/innen in Kitas die Besonderheit der Schule und auch die städtischen Ämter, die mit dem Schulanfang zu tun haben, müssten über die Möglichkeiten, die die Schule bietet, informiert werden.

Schumann: Für den Modellversuch ist eine offizielle wissenschaftliche Begleitung vom Land eingerichtet worden. Welche Aufgabe haben Sie sich vorgenommen?

Ich gehöre nicht zur wissenschaftlichen Begleitung des Schulversuchs, die vom Land finanziert wird. Gemeinsam mit Prof. Huf führe ich ein Projekt durch, das von der Max Traeger-Stiftung bezahlt wird. Wir befragen Schülerinnen und Schüler der vierten Jahrgänge nach der Entscheidung für die Primus-Schule. Das soll weiterhin jährlich stattfinden, auch um zu sehen, ob sich die Entscheidungen der Eltern und ihrer Kinder im Laufe der Jahre verändern. Schon jetzt lässt sich sagen, dass bei allen Kindern die mögliche Abschulung im gegliederten Schulsystem auf der einen und der mögliche Erhalt der Beziehungen untereinander auf der anderen Seite eine große Rolle spielen. Außerdem beobachten wir beginnend 2014/15 in einer Langzeit-Studie Kinder einer Klasse der Primus-Schule bezüglich ihrer Entwicklung in einem pädagogischen Umfeld, das sich durch ein inklusives Unterrichtskonzept, Altersmischung und ein Lernen ohne Brüche in der Lernbiographie und Lernkultur auszeichnet. Dazu sind Prof. Huf, Prof. Idel von der Uni Bremen und ich gerade dabei, einen Forschungsantrag zur Finanzierung zu stellen.

Literatur: Schnell, I. (Hrsg.): Für uns kommt nur 1-13 in Frage. Entwicklungsimpulse aus und für PRIMUS Berg Fidel. Schneider Verlag Hohengehren 2015