Was ist problematisch an der Zweigliedrigkeit?

Zu Risiken und Nebenwirkungen der Zweigliedrigkeit am Beispiel von Österreich
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In seiner Pressemitteilung vom 4. März 2015 warnte der Deutsche Lehrerverband die Kultusminister vor den negativen Folgen, die sich aus der Einführung von Gesamt-und Gemeinschaftsschulen ergäben. Als Begründung verwies er auf den jüngst veröffentlichten österreichischen Evaluationsbericht, der die Wirkungen der Neuen Mittelschule (NMS) wissenschaftlich untersucht hat. Diese wurde 2008 als Schulversuch eingeführt, hat seit 2012 den Status der Regelschule und soll ab 2015/16 alle Hauptschulen in Österreich ersetzen. Laut DL-Präsident Josef Kraus sollten sich die Befürworter der "einheitlichen Schulformen" von der "Ideologie der Gleichmacherei" verabschieden, da die NMS schlechtere Leistungsergebnisse als die Hauptschule liefere. Liest man den Bericht ohne die "ideologischen Scheuklappen" des Deutschen Lehrerverbands, findet man dort eine differenzierte Beschreibung und Erklärung der Befunde und eine kritische Bewertung der Zweigliedrigkeit, die allerdings auch der deutschen Bildungspolitik eine Warnung sein sollte.

Die NMS als "Kompromissprodukt"

Österreich verfügt im Gegensatz zu Deutschland seit langem in allen Bundesländern über ein zweigliedriges Sekundarschulsystem aus einer vierjährigen Hauptschule (HS) und einer achtjährigen Allgemeinen Höheren Schule (AHS), die dem deutschen Gymnasium entspricht. Die österreichischen PISA-Ergebnisse mit ähnlich problematischen Tendenzen wie in Deutschland - großes Maß an sozialer Chancenungleichheit und hohe Zahl an "Bildungsverlierern"- und die bildungspolitische Debatte über Maßnahmen zur Verbesserung der Bildungssituation bilden den Hintergrund für die Einführung der NMS. Als "moderne Leistungsschule" mit einer neuen Lehr-und Lernkultur ist die NMS als eine Schule für alle Schülerinnen und Schüler konzipiert. Sie soll auch Eltern mit hohen Bildungsaspirationen eine gleichwertige und attraktive Alternative zur Unterstufe der AHS bieten und mit einer im Vergleich zur HS sozial ausgewogenen Schülerschaft auch die bestehenden sozialen Bildungsdisparitäten innerhalb der Zweigliedrigkeit abbauen. Die NMS verzichtet ausdrücklich auf die bisherige Einteilung in Leistungsgruppen. An deren Stelle treten durchgehend Individualisierung und innere Differenzierung. Lehrkräfte, die als "Lerndesigner" für selbsttätiges, individualisiertes Lernen ausgebildet werden, sollen die Unterrichtsentwicklung an der NMS stimulieren. Zur Unterstützung der Lehrkräfte mit HS-Lehrbefähigung werden in den Fächern Deutsch, Mathematik und Fremdsprache zusätzliche Lehrkräfte mit gymnasialer Lehrbefähigung für zeitweises Teamteaching bereitgestellt. Gymnasiale Ansprüche werden auch durch den Lehrplan der NMS abgesichert. Er ist identisch mit dem des Realgymnasiums, verbindet aber traditionelle gymnasiale Standards mit den didaktischen Grundsätzen der neuen Lernkultur. Der Evaluationsbericht macht in seiner politischen Einordnung dieser Reform unmissverständlich klar, dass die NMS lediglich ein "ungeliebtes, großkoalitionäres Kompromissprodukt" darstellt, weil die politischen Kräfte sich nicht auf die Ersetzung der Zweigliedrigkeit durch ein echtes Gesamtschulsystem einigen konnten. Für die ÖVP sei die NMS ein "lästiges Zugeständnis", für die SPÖ "ein Schritt in die richtige Richtung", wobei offenbleibe, "wann und wo der entscheidende Schritt zum eigentlichen Ziel, ein echtes Gesamtschulsystem unter Einbezug der allgemeinen Höheren Schule, erfolgen könnte".

Zentrale Ergebnisse der Evaluation

Der Bericht stellt heraus, dass es im Vergleich zur HS "eine Reihe bedeutsamer Effekte im Bereich der pädagogischen Prozesse und des Schullebens insgesamt" gibt, die "in die vom NMS Konzept angestrebte Richtung weisen: Verbesserungen in der Gestaltung des Unterrichts, Rückgang an Gewalt in der Schule, Rückgang normabweichenden Verhaltens in Verbindung mit zumindest geringen Zunahmen im Wohlbefinden der Schülerinnen und Schüler und ihrem Engagement für die Schule". Zur Frage, ob die an die NMS bildungspolitisch geknüpften Erwartungen im Bereich des fachlichen und überfachlichen Lernens auf eine "effiziente, dem Aufwand angemessene Art und Weise" gerecht werden, konstatieren die Wissenschaftler, dass dies nicht in dem "erwarteten Ausmaß" festgestellt werden kann, allerdings werde "das bisherige Niveau auch nicht unterschritten". Für die von der NMS erwartete verbesserte Förderung der leistungsschwächsten Schülerinnen und Schüler finden sich in den Evaluationsergebnissen keine Belege. Im Gegenteil zeigen sich Hinweise, dass sich die Lernsituation für diese Gruppe tendenziell verschlechtert hat.

Zu den Ursachen ausgebliebener Reformeffekte

Der Bericht stellt mit Nachdruck heraus, dass die erwartungswidrigen und ernüchternden Ergebnisse nicht auf die NMS zurückzuführen sind, wie dies der Deutsche Lehrerverband unterstellt. Die fehlende Zielerreichung hängt damit zusammen, dass "die NMS nicht als Ersatz, sondern in Konkurrenz zu etablierten Schulformen eingeführt und - wie sich zeigt- sozial selektiv ausgewählt wurde", heißt es in dem Resümee. "Der Anspruch, eine sozial und mit Blick auf Bildungsvoraussetzungen ausgewogene, durchmischte Schülerschaft anzuziehen, konnte unter diesen Bedingungen – von einzelnen Standorten abgesehen – nicht eingelöst werden. Die pädagogische und organisatorische Folgenbearbeitung der sozialen Eingangsselektion gelingt deshalb durchgängig nur unzureichend." Die Wissenschaftler machen damit auf den entscheidenden strukturellen Konstruktionsfehler aufmerksam, orientieren sich aber in ihren kurz- und mittelfristigen Empfehlungen pragmatisch an der politischen Beschlusslage der Zweigliedrigkeit. Sie empfehlen unter den gegebenen bildungspolitischen Vorgaben eine verstärkte Konzentration von Maßnahmen auf Risikogruppen. "Die beträchtlichen zusätzlichen Ressourcen, speziell in Form eines flächendeckenden Teamteachings, haben im Durchschnitt nicht die erwarteten Verbesserungen im Bereich der fachlichen Leistungen und überfachlichen Kompetenzen gebracht. Es müssen Wege gefunden werden, diese Ressourcen zielorientierter und effizienter zu nutzen, z. B. in Form eines individuellen Lerncoachings für Schülerinnen und Schüler mit besonderem Bedarf an Lernunterstützung oder bei Schulen mit hohen Verhaltensproblemen", heißt es in dem Bericht.

Warnung vor Risiken und Nebenwirkungen

Das deutsche Schulsystem befindet sich auf dem Weg zu einer flächendeckenden Zweigliedrigkeit mit dem Gymnasium einerseits und einer zweiten Schulform für alle Schülerinnen und Schüler andererseits, die allerdings in den Bundesländern unterschiedliche Bezeichnungen trägt und auch in der Organisationsform nicht einheitlich ist. Wie in Österreich ist die Zweigliedrigkeit ein Kompromiss, den Sozialdemokraten und Grüne in Regierungsverantwortung als "Schritt in die richtige Richtung" bezeichnen. Wie in Österreich vermeidet die Bildungspolitik in Deutschland den zum Abbau von sozialer Ungleichheit und Benachteiligung im Bildungserwerb entscheidenden Schritt zu einem eingliedrigen Schulsystem. Wenn es einen Grund gibt, die deutsche Bildungspolitik vor der Zweigliedrigkeit zu warnen, dann eben nicht, weil sie damit die Hauptschule aufgibt und auf die klassische Dreigliedrigkeit verzichtet. Grund zur Warnung ist vielmehr, dass sie die in der Zweigliedrigkeit - egal welcher Ausprägung - grundsätzlich verankerte soziale Selektivität und soziale Abtrennung als Gefährdung demokratischer und inklusiver Werte nicht ernst nimmt.