Ungleiches ungleich behandeln

Ein Gebot der Gerechtigkeit: Ressourcensteuerung für Bildungseinrichtungen nach Sozialindex

 Die Forderung, Schulen und Bildungseinrichtungen bei der Zuweisung der personellen und sächlichen Ausstattung ungleich zu behandeln, ist keineswegs revolutionär. Hamburg hat als erstes Bundesland schon 1996 mit der Einführung eines schulbezogenen Sozialindex darauf reagiert. Aber bundesweit hapert es noch sehr mit einer adäquaten Umsetzung. Wissenschaftliche Studien für die Stadt Mülheim an der Ruhr geben Aufschluss darüber, wie ein belastbarer Schulsozialindex konstruiert sein muss. Dies könnte die Bildungspolitik in NRW unter Handlungsdruck setzen.

Verteilungsgerechtigkeit und faire Leistungsvergleiche sind Ziele des Hamburger SozialindexSchließlich lässt sich nicht leugnen, dass Schulen in höchst unterschiedlich schwierigen und sozial belasteten "Geländen" ihren pädagogischen Auftrag erfüllen. Die empirische Bildungsforschung hat zudem den Blick für die Tatsache geschärft, dass die soziale und kulturelle Zusammensetzung der Schülerpopulation einer Schule erheblichen Einfluss auf den Kompetenzerwerb und den Bildungserfolg hat. Schulen in einem besonders stark sozial segregierenden Schulsystem wie dem deutschen nach dem "Gießkannenprinzip" gleich zu behandeln, bedeutet faktisch, soziale Privilegierung bzw. soziale Benachteiligung von Schülerinnen und Schülern zu verschärfen. Auf diese unstrittigen Zusammenhänge hat Hamburg als erstes Bundesland reagiert.

Der Hamburger Sozialindex für Grundschulen und weiterführende Schulen beruht auf Angaben von Schülern und Eltern an allen Schulen. Diese werden eigens im Rahmen von freiwilligen und anonymisierten Befragungen erhoben. Dabei fließen auch Stadtteilstrukturdaten ein. Dieses Verfahren ist der Struktur eines Stadtstaates angepasst. 2013 wurde der Sozialindex von dem Institut für Bildungsmonitoring und Qualitätsentwicklung (IFBQ) zuletzt aktualisiert.

Der Index ermöglicht eine Zuordnung der Schulen zu sechs Belastungsgruppen, die unterschiedliche Ressourcenzuweisungen nach sich ziehen. Damit sollen zum Beispiel Klassenverkleinerungen und zusätzliche Sprachfördermaßnahmen für besonders sozial belastete Schulen ermöglicht werden. Auch sonderpädagogische Ressourcen für die Förderbedarfe von Schülerinnen und Schülern mit Lern- und Entwicklungsproblemen werden nicht mehr an personenbezogene Feststellungsverfahren gebunden, sondern systemisch nach Sozialindex ausgebracht.

Die NRW Praxis steht in der Kritik.

Der von der schwarz-gelben Regierung unter Jürgen Rüttgers 2006 eingeführte und von der rot-grünen Regierung unter Hannelore Kraft bislang fortgeführte Sozialindex errechnet sich auf der Basis von vier Merkmalen auf der Ebene der Kreise und kreisfreien Städte: der Arbeitslosenquote, der Sozialhilfequote, der Migrantenquote und der Quote der Wohnungen in Einfamilienhäusern. Die Sozialindexstellen werden den Schulämtern zugewiesen und von der Schulaufsicht nach Kenntnis der örtlichen Lage ausschließlich auf besonders belastete Grund-und Hauptschulen verteilt. Im Schuljahr 2012/13 wurden laut MSW für die Grundschulen 1000 Stellen und für die Hauptschulen 557 Stellen nach dem Sozialindex auf 54 Schulämter verteilt. Die Kürzung von Sozialindexstellen unter Rot-Grün wird mit der Schließung von Hauptschulen begründet.

Vertreter des Schulministeriums haben in einer Veröffentlichung 2006 selbst- kritisch festgestellt: "Der Sozialindex kann nur für den ganzen Kreis bzw. die kreisfreie Stadt berechnet werden, für unterschiedlich belastete Quartiere und Schulen innerhalb der Kreise sind Sozialindizes mit den verfügbaren Daten gegenwärtig nicht berechenbar."

Die GEW und die GGG (Gemeinnützige Gesellschaft Gesamtschule) in NRW haben daher wiederholt gefordert, dass Datensätze entwickelt werden müssen, die es ermöglichen, den Sozialindex für alle Schulen "schulscharf" auf der Basis der konkreten Schülerpopulation zu bestimmen. Sie haben mit dem Blick auf die weiterführenden Schulen darauf verwiesen, dass die Einzugsbereiche der Schulen unter dem Aspekt der Schulwahlfreiheit erheblich variieren. Von daher sei es auch völlig unzureichend, allein aus dem Standort der Schulen den Umfang der sozialen Belastung abzuleiten.

Mülheim hat sich längst auf den Weg gemacht.

Die Stadt an der Ruhr ist seit langem überzeugt, dass über eine Ungleichbehandlung des Ungleichen eine größere Chancengerechtigkeit erreicht werden kann. Darum hat der Schulträger im Schuljahr 2010 /11 für die 24 Grundschulen im Stadtgebiet im Rahmen einer Studie auf der Grundlage von zwei Einschulungsjahrgängen die soziale Belastung der einzelnen Schule über schulscharfe Grundschulindices quantifizieren lassen. Auf dieser Basis sind die Mittel der zusätzlichen Schulsozialarbeit aus dem Bildungs-und Teilhabepaket des Bundes an die Schulen verteilt worden.

Für jede Grundschule wurden drei Indices berechnet. Für die Berechnungen wurden Indikatoren aus der Schuleingangsuntersuchung herangezogen, die der Schulträger gezielt auswertet und auch dafür nutzt, familiäre Hintergründe auf freiwilliger Basis zu erfragen.

Zur Bestimmung des Index "Soziale Privilegierung und Benachteiligung" wurden als Indikatoren u.a. der Anteil der Eltern mit niedriger Bildung und der Anteil der Väter ohne Arbeit eingesetzt. Indikatoren für die Ermittlung des Indexwertes "Frühkindliche Bildung" waren z.B. die Kitadauer und die Teilnahme an Früherkennungsuntersuchungen. Die Indikatoren für den Index "Kindliche Bildungsressourcen und -defizite" wurden aus den Screenings der Schuleingangsuntersuchungen gewonnen, die Auskunft geben über schulrelevante Merkmale wie Sprache, Visuomotorik und Körperkoordination.

Dabei ließ sich ein enger Zusammenhang sowohl zwischen den Indices "Soziale Privilegierung und Benachteiligung" und "Frühkindliche Förderung" als auch zwischen den Indices "Frühkindliche Förderung" und "Kindliche Bildungsressourcen und -defizite" nachweisen.

Aktualisierte Mülheimer Studie liefert wichtige Erkenntnisse

Seit Mai 2014 liegt eine Aktualisierung dieser Studie vor. Sie ist im Rahmen des Projektes "Schule im Team - Übergänge gestalten" erstellt worden, das von der Stiftung Mercator und dem Institut für Schulentwicklungsforschung (IfS) an der Technischen Universität Dortmund getragen wird. Das Ministerium für Schule und Weiterbildung (MSW) hat Finanzmittel dazu beigesteuert. Ziel der Studie war u.a. die Überprüfung des angewendeten Verfahrens zur Ermittlung schulscharfer sozialer Grundschulindices auf Validität. Zu diesem Zwecke wurden Informationen aus vier aufeinanderfolgenden Einschulungsjahrgängen von 2008/09 bis 2011/12 verwendet. Die Indexwerte der Schulen wurden nach dem gleichen Verfahren ermittelt wie in der ersten Studie. Die sozialen Unterschiede, die die erste Studie schulscharf ermittelt hatte, sind hier in jeder Hinsicht bestätigt worden. Diese Übereinstimmung ist ein sicherer Hinweis für die Güte des Verfahrens.

Mülheimer Studie erprobt das Wohnumfeldverfahren

Das Verfahren für die Grundschulen ist für die weiterführenden Schulen nicht anwendbar, da es keine Individualdaten darüber gibt, welche Schülerinnen und Schüler mit welchem familiären Hintergrund zu welchen weiterführenden Schulen wechseln. Bekannt sind lediglich die Schülerströme von den abgebenden Grundschulen zu den aufnehmenden weiterführenden Schulen.

Die Studie hat daher zur Bestimmung schulscharfer Indexwerte für weiterführende Schulen ein neues Verfahren an den Mülheimer Grundschulen erprobt und dabei die Möglichkeiten einer Optionskommune genutzt. Als solche ist Mülheim Träger der Grundsicherung für Arbeitssuchende und verfügt mit dem kommunalen Jobcenter über präzise statistische Informationen bezüglich der sozialen Belastung im Stadtgebiet. Das neue Verfahren sieht vor, den Schülerinnen und Schülern die soziale Belastung ihres jeweiligen Wohnumfeldes zuzuschreiben. Als Begründung für dieses Vorgehen gibt das Gutachten an: "Zum einen ist das direkte Wohnumfeld einer Person, der eigene Baublock, häufig sehr homogen, so dass sich die Merkmale der Bewohner des Baublocks dazu eignen, um das Milieu, in dem der Bewohner lebt, zu beschreiben. (…) Zum anderen ist der Wohnort auch ein Ort der Sozialisation und das soziale Milieu, in dem ein Schüler aufwächst, prägt die Entwicklung entscheidend mit."

Ein Vergleich zwischen den Sozialindices der Grundschulen, gewonnen aus den Individualdaten der Schülerinnen und Schüler einer Schule, und denen, die aus dem neuen Wohnumfeldverfahren ermittelt wurden, zeigt große Übereinstimmung in den Ergebnissen. Das Wohnumfeldverfahren empfiehlt sich im Falle von Optionskommunen daher als Möglichkeit, die sozialen Indexwerte sowohl für Grundschulen als auch für weiterführende Schulen schulscharf zu bestimmen. Es ist im Vergleich zu dem Verfahren, das auf der Erhebung von Individualdaten basiert, sehr viel weniger aufwändig und komplex. Der soziale Hintergrund einer Schülerschaft bestimmt sich lediglich aus der exakten Adresserfassung der Schülerinnen und Schüler und deren Schulzuordnung.

Die Studie betont allerdings auch, dass die komplexere Variante, wie sie in Mülheim für die Grundschulen verwendet wird, bessere Möglichkeiten eröffnet, "spezifische Förderbedarfe und Stärken in jeder Grundschule aufzudecken, um gezielt präventive Angebote zu etablieren und vorhandene Stärken und Interessen der Schüler auszubauen".

Für Kommunen in NRW, die nicht als Optionskommunen auftreten, bietet sich an, das Wohnumfeldverfahren zu verknüpfen mit der vom Landesbetrieb Information und Technik (IT.NRW) erstellten NRW Landkarte über die SGB-II-Dichten von Beziehern unter 15 Jahre.

Schlussfolgerungen

Es gibt keine Ausreden mehr! Mülheim hat den Schulministerien in allen Bundesländern Wege aufgezeigt, wie schulscharfe Sozialindices quantifiziert und für eine gerechte systematische Förderung und Unterstützung von Schulen mit sozial höchst ungleichen Ausgangslagen genutzt werden. Auch für das Land NRW, das sich eine sozial präventive und gerechte Bildungspolitik auf die Fahne geschrieben hat, gibt es keine Ausreden mehr.

Bislang gab es nur Ankündigungen, dass man in absehbarerer Zeit sich des Problems annehmen wolle, einen Merkmalsatz zu erheben, der eine schulscharfe Sozialindexbetrachtung ermöglicht. Ein politischer Wille, die unterschiedlichen Unterstützungsbedarfe der Schulen präzise aufzudecken, um Ungleiches ungleich zu behandeln, war bis heute nicht wirklich erkennbar.