Inklusion in der Lehrerbildung

Flickenteppich

Die KMK-Präsidentin Sylvia Löhrmann hat bei ihrem Amtsantritt am 15. 1. 2014 im Bundesrat in Berlin betont: "In der Kultusministerkonferenz haben wir uns vorgenommen, das Thema Inklusion intensiv zu beraten, uns auszutauschen und abzustimmen – unter Berücksichtigung der Lehrerbildung."

Diese hoffungsvolle Ankündigung wird leider dadurch getrübt, dass mit Berlin und Baden- Württemberg sich zwei Länder aktuell schon auf höchst unterschiedliche Modelle zur Entwicklung inklusiver Kompetenzen festgelegt haben. Als ein Knackpunkt erweist sich die Stellung der Sonderpädagogik in der zukünftigen Lehrerbildung. Dazu gibt es weder in der sonderpädagogischen Fachdisziplin noch in der Politik eine einheitliche Vorstellung, weil es auch kein einheitliches Verständnis von Inklusion gibt.

Streitlinien in der Sonderpädagogik

Diese sind im Rahmen des vom Deutschen Institut für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF) eingeholten Expertengutachtens "zur Ausbildung und Professionalisierung von Fachkräften für inklusive Bildung in Deutschland" sichtbar geworden. Die beiden divergierenden Richtungen, vertreten durch Prof. Hillenbrand (Universität Oldenburg) und Prof. Werning (Universität Hannover), sind sich lediglich darin einig, dass es eine große Diskrepanz gibt zwischen der aktuellen Ausbildung und der zukünftigen Berufspraxis von Lehrerinnen und Lehrern, da zunehmend immer mehr Schülerinnen und Schüler mit Behinderungen an allgemeinen Schulen unterrichtet werden.

Für Hillenbrand steht weder die Förderschule noch die Eigenständigkeit des Lehramtes Sonderpädagogik durch die Inklusion zur Disposition. Die hohen Anforderungen der sonderpädagogischen Lehrkräfte in inklusiven Schulen "erfordern den Erhalt und die Profilierung des Lehramtsstudiums Sonderpädagogik." Profilieren sollen sich künftige Sonderpädagogen u.a. durch den Erwerb von Kenntnissen in der neuen Diagnostik RTI (Response- to- Intervention), die von der Inklusionspädagogik als fragwürdige Selektionsdiagnostik abgelehnt wird (s. Inklusive Bildung braucht inklusive Diagnostik ). Für die anderen Lehrämter sieht Hillenbrand Qualifizierungsbedarf für die "zusätzlichen Aufgaben" im Rahmen inklusiver Bildung.

Für Prof. Werning ist Inklusion charakterisiert durch den Umgang mit Heterogenität. "Daraus folgt schulstrukturell die Forderung, ein auf separierende Settings basierende Ausdifferenzierung des Systems nur so weit wie nötig zuzulassen und separierende Settings zurückzubauen." Er zielt nicht auf ein eigenständiges Lehramt Sonderpädagogik, sondern hält es für sinnvoll, "Sonderpädagogik als Wahlschwerpunkt in den Ausbildungskonzepten von Grund- und Sekundarstufenlehrern zu verankern".

Unterschiedliche Ausbildungsmodelle in Berlin und Baden-Württemberg

Obwohl in beiden Ländern Expertenkommissionen den Verzicht auf ein eigenständiges sonderpädagogisches Lehramt vorgeschlagen haben, hat sich nur Berlin dafür entschieden. In Baden-Württemberg hat die Landesregierung nicht zuletzt wegen scharfer Proteste aus dem konservativen Lager davon Abstand genommen.

Das Lehrkräftebildungsgesetz ist am 30.1. 2014 vom Berliner Abgeordnetenhaus verabschiedet worden und am 20.2. 2014 in Kraft getreten. Statt eines eigenständigen Lehramtes Sonderpädagogik sind für die die Lehrämter Grundschule, Gymnasium und Integrierte Sekundarschule (ISS) sowie berufliche Schulen zwei sonderpädagogische Fachrichtungen als 2. Fach wählbar.

In Baden-Württemberg gibt es noch keine neue gesetzliche Regelung, wohl aber eine Festlegung der Eckpunkte für eine Lehrerbildungsreform durch den Ministerrat seit dem 3. 12. 2013. "Danach soll die Eigenständigkeit der Lehramtsstudiengänge mit ihren spezifischen Profilen erhalten bleiben. Es wird daher auch künftig Studiengänge gemäß der KMK Lehramtstypen für die Grundschule, die Sekundarstufe I, das Gymnasium und für die Sonderpädagogik geben. "

Alternative Österreich

Dass es auch einheitlich geht, zeigt man in Österreich. Allerdings ist dies möglich, weil der Bund die Gesetzgebungskompetenz hat und nicht jedes einzelne Bundeland darüber entscheiden kann. Am 12. 6. 2013 wurde ein Bundesrahmengesetz zur Einführung einer neuen Lehrerbildung verabschiedet, das den Vorschlägen von Experten folgt. Diese sind sich darin einig, dass auf der Basis der UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK) eine eigenständige Sonderschullehrerausbildung nicht mehr notwendig ist, ja ihr sogar diametral entgegensteht. Inklusion verlange schließlich die Auflösung des Dualismus von Sonder- und Regelpädagogik. Nach dem neuen Lehrerbildungsgesetz ist vorgesehen, dass das Fachgebiet der Sonderpädagogik zusammengeführt wird mit der Integrationspädagogik, der interkulturellen Pädagogik, der gendergerechten Pädagogik und zu einem Lehr- und Forschungsgebiet inklusive Pädagogik ausgebaut und weiterentwickelt wird. Inklusive Pädagogik muss im Rahmen der Lehrerbildung für die Primarstufe und Sekundarstufe als eine Schwerpunktsetzung angeboten werden. Damit wird in Österreich dem umfassenden Verständnis von Inklusion Rechnung getragen.

Klärung notwendig: Was ist Inklusion?

Grundlage für eine inklusionsorientierte Lehrerausbildung ist eine präzise und verbindliche Vorstellung von Inklusion und inklusiver Bildung in Orientierung an der UN-BRK und anderer menschenrechtlicher Empfehlungen. Die KMK hat genau dieses Verständnis bislang nicht entwickelt und deshalb kann jedes Bundesland sein eigenes Süppchen in der Lehrerbildung kochen und als "inklusiv" deklarieren. Es ist zu hoffen, dass der Inklusionsgipfel "Inklusion - Die Zukunft der Bildung"/, den die Deutsche UNESCO- Kommission am 19. Und 20. März in Bonn abhielt, die Bildungspolitik auf die richtige Spur bringt.