Erster Landesinklusionstag in Rheinland-Pfalz

Viele gute Praxisbeispiele - mutlose Politik!
Erster Landesinklusionstag in Rheinland-Pfalz

Das ist eine der zentralen Botschaften, die von dem ersten Landesinklusionstag am 10. Oktober in Mainz ausgeht. Auf Initiative des unabhängigen rheinland-pfälzischen Vereins EINE Schule für ALLE - länger gemeinsam lernen e. V. hatten sich 21 namhafte Organisationen zusammengetan und zum Thema "Vielfalt ist Bereicherung für Alle" ein breitgefächertes Programm zusammengestellt. Über 200 Teilnehmerinnen und Teilnehmer waren der Einladung gefolgt. Von Südtirol lernen Zum Tagungsthema referierte Klaus Eberl, Oberkirchenrat der Evangelischen Kirche im Rheinland. Er stellte heraus, dass der mit Inklusion verbundene Paradigmenwechsel von der Fürsorge zur gleichberechtigten gesellschaftlichen Teilhabe für Menschen mit Behinderungen in Deutschland noch nicht vollzogen sei. Auch die Kirche habe Probleme mit der Umstellung. Dr. Luciana Fiocca und Dr. Ute Gebert, Leiterinnen des Amtes für Menschen mit Behinderungen in der Provinz Bozen/Südtirol, machten am Beispiel ihres Schulsystems die prozesshafte Entwicklung von Inklusion deutlich, die 1977 mit der gesetzlichen Verpflichtung zur Abschaffung von Sonderklassen begann. In der UN-BRK sahen sie eine starke Bestätigung für die Entwicklung einer gemeinsamen Schule für (wirklich) alle in Südtirol. Mit dem neuen, in einem vorbildlich partizipativen Prozess entwickelten und einstimmig verabschiedeten Landesgesetz "Teilnahme und Inklusion von Menschen mit Behinderungen", das in allen Lebensbereichen gleiche Rechte für Menschen mit Behinderungen nach dem menschenrechtlichen Verständnis der UN-BRK gesetzlich verankert, seien wichtige neue "Baustellen" für die gesellschaftliche und politische Umsetzung von Inklusion geschaffen worden. Ermutigende Beispiele gegen gesellschaftliche Segregation In fünf Foren zu den Themen Arbeit, Bildung, Kultur/Sport/Freizeit, Wohnen und Inklusive Kommune präsentierten sich eine ganze Reihe motivierender Beispiele für gleichberechtigte Teilhabe. Stellvertretend für den Kultur-/Freizeitbereich sei der beeindruckende Auftritt der Band "Carpe Diem Unerhört" des ökumenischen Gemeinschaftswerkes Pfalz erwähnt, in der 16 Menschen mit und ohne Behinderung gemeinsam musizieren und mit ihren Auftritten erfolgreich an die Öffentlichkeit gehen. Auch das Theaterprojekt "Begegnungen" am Pfalztheater Kaiserslautern und das inklusive Engagement des SV Speesbach 1920 e. V. mit seinem Integrationsteam machten deutlich, Sport, Theater und Musik können in besonderer Weise Inklusion ermöglichen nach der Devise "Bei uns darf jeder mitmachen!" und "Hier fühlt sich jeder ganz normal." Auch im Forum Arbeit wurden positive Beispiele für Inklusion präsentiert, die allerdings angesichts des segregierten Arbeitsmarktes noch eher die Ausnahme darstellen. Mathias Rösch, Landesbeauftragter für die Belange von Menschen mit Behinderungen, verwies auf die Empfehlungen des UN-Fachausschusses für die Rechte von Menschen mit Behinderungen. Sie hätten deutlich gemacht, dass Deutschland noch große Anstrengungen unternehmen muss, um Menschen mit Behinderungen ihr Recht auf Zugang zum allgeneinen Arbeitsmarkt zu sichern. Behindertenwerkstätten seien keine sinnvolle Alternative. Das Forum Inklusive Kommune sah in der Entwicklung und Verabschiedung kommunaler Aktionspläne die Aufgabe und Chance, für Inklusion bewusstseinsbildend und sensibilisierend zu wirken. In längerfristigen und partizipativen Prozessen unter Beteiligung der verschiedensten Gruppen könne Inklusion als Querschnittsaufgabe in der Kommune verankert werden.

Bildung als Schlüssel für soziale Inklusion und gleichberechtigte Teilhabe

Im sehr stark nachgefragten Forum Bildung mit rund 100 Teilnehmenden zeigten die referierten Beispiele eindrucksvoll, dass durchaus nennenswerte gelungene Schritte auf dem Weg zu einer inklusiven Schule gegangen werden können. Vier Kolleginnen der IGS Nieder-Olm schilderten ihre durchweg positiven Erfahrungen auf ihrem beharrlichen Weg zu einer Schwerpunktschule. Ihre schulische Maxime lautete: "ALLE Schülerinnen und Schüler müssen entsprechend ihrer individuellen Voraussetzungen gefördert werden." Das Kooperationsprojekt zwischen einer Förderschule mit dem Schwerpunkt Lernen und der BBS Speyer hat sich den gleichberechtigten Zugang aller Schülerinnen und Schüler sowie ihre Integration in die Arbeitswelt zum Ziel gesetzt. Es empfiehlt sich mit seiner erfolgreichen Umsetzung als Modell für weitere Standorte. Gleichzeitig wurde deutlich, dass die qualitativen Entwicklungsschritte in Richtung Inklusion in hohem Maße von der Initiative und dem Engagement der beteiligten Lehrerinnen und Lehrer, ihrem Ideenreichtum und Teamgeist abhängig sind. Fehlende konzeptionelle Vorgaben des Ministeriums für gemeinsames Lernen eröffnen zwar einerseits pädagogische Spielräume, andererseits wird die konzeptionelle Arbeit völlig den Schulen überlassen, die noch dazu Inklusion mit normativen Vorgaben des selektiven Schulsystems in Einklang bringen müssen. In die Arbeitszeit der Lehrerinnen und Lehrer ist weder Zeit für Kooperation und notwendige Absprachen im Kollegium noch für curriculare, didaktisch-methodische Entwicklungsarbeit und Zusammenarbeit mit Eltern und außerschulischen Akteuren einberechnet. Auch die derzeitige Lehrerbildung bereitet Lehrerinnen und Lehrer nicht auf ihre Aufgaben in einer inklusiven Schule vor, wie die Experten der Universität Koblenz-Landau, Prof. Dr. Sven Jennessen und Prof. Dr. Michael Wagner, in ihren Beiträgen feststellten. Lehrerbildung in Rheinland-Pfalz sei nur ansatzweise schulartübergreifend und unzureichend auf Heterogenität ausgerichtet. Sie bestätigten, dass die Strukturen des gegliederten Schulsystems ein Hindernis für Inklusion darstellen. Als Lösung wurde von ihnen die Einrichtung eines Modellstudienganges "Inklusive Bildung" am Standort Campus Landau präferiert.

Mutlose Politik - Zivilgesellschaft als "Treiber"

In der Abschlussdiskussion bekannten sich die Podiumsteilnehmer/innen aus unterschiedlichen Organisationen zu Inklusion und setzten sich insbesondere kritisch mit der Bildungspolitik auseinander. Diese war leider nur unvollständig durch die Grünen im rheinland-pfälzischen Landtag vertreten, da die anderen Landtagsfraktionen der Einladung nicht gefolgt waren. Daniel Köbler, Fraktionssprecher der Grünen, hob als Verdienst seiner Fraktion hervor, dass das Thema Inklusion aus dem "Nischendasein" auf die landespolitische Agenda gehoben worden sei und mit dem neuen Schulgesetz und dem Lehrerbildungsgesetz eine gesetzliche Verankerung erfahren habe. Der rheinland-pfälzische GEW-Chef, Klaus-Peter Hammer, äußerte tiefe Unzufriedenheit der GEW mit den bisherigen Maßnahmen der Landesregierung und stellte fest: "Wir müssen längere Schritte gehen, was das gemeinsame Lernen angeht." Neben politischem Mut zu wirksamen strukturellen Veränderungen mahnte er einen angemessen Ressourceneinsatz zur Unterstützung und Entlastung der Lehrkräfte an. Inklusion sei ein Menschenrecht, das umgesetzt werden müsse. Wolfgang Spähn, langjähriger Vorsitzender des Elternvereins "Gemeinsam leben - gemeinsam lernen" e.V., kritisierte mit Verweis auf die Staatenprüfung Deutschlands durch den UN-Fachausschuss für die Rechte von Menschen mit Behinderungen das Festhalten der Politik an den sonderpädagogischen Doppelstrukturen als "unsägliche Unerträglichkeit". Mit dem Blick auf die Vertreterin des Gemeinde- und Städtebundes Rheinland-Pfalz, Agneta Psczolla, die die Finanzierung der Inklusion in ihrem Beitrag als zentrales Problem angesprochen hatte, betonte Spähn die unsinnig hohen Kosten der Doppelangebote zu Lasten des qualitativen Ausbaus von Inklusion. Den Grünen hielt er vor, dass sie in der Regierungskoalition ihre Forderung nach Abschaffung der Sonderschulen aufgegeben hätten. Köbler erwiderte, man habe das Wahlrecht ins Schulgesetz als "Türöffner" aufgenommen und sei überzeugt, dass dieser Schritt politisch nicht mehr umkehrbar sei. "Was bringt mir die beste und radikalste Forderung, wenn es am Ende dazu führt, dass ganz andere in der Regierung sind", stellte er erläuternd fest und fügte hinzu: "Ich lasse mich gern als Grüner antreiben zu mehr Inklusion und mehr längeres gemeinsames Lernen." Allerdings solle man diejenigen, die auf einem gemeinsamen Weg seien, nicht zum Ziel der Kritik machen, nur weil es nicht so schnell gehe, wie gewünscht.