Die Südtiroler Bildungslandschaft

Oder: Wie Bildungserfolg für alle Kinder gesichert wird

Die Tatsache, dass Südtirol bei PISA 2003 in der Lesekompetenz sogar einen Punkt besser war als Finnland und in Mathematik auch zur Spitzengruppe gehörte, hat Südtirol den Ruf eingebracht, „das Finnland des Südens“ zu sein. Bildungsungerechtigkeit wie in Deutschland kennt man dort nicht. Die Faktoren, die für den Südtiroler Bildungserfolg maßgeblich sind, sollen nachfolgend dargestellt werden. Mit einem Blick auf „kommunale/regionale Bildungslandschaften“, die derzeit in Deutschland entwickelt werden, wird die Frage angerissen, was wir uns davon erwarten dürfen.

Die Bedeutung des politischen Autonomiestatuts für das Südtiroler Bildungssystem

Südtirol verfügt über Finanzmittel, die eine aus deutscher Sicht luxuriöse Ausstattung der Bildungseinrichtungen ermöglichen. Ins Auge fallen unmittelbar die deutlich kleineren Gruppen- und Klassengrößen sowie die bessere Sachmittelausstattung. Der Personalschlüssel im Kita-Bereich liegt bei 1: 9,3, im Grundschulbereich bei 1:7,9, in den Mittelschulen bei 1:8 und in den Oberschulen bei 1:9. Dadurch ist Arbeit im Team auch im Unterricht möglich. Auch die Architektur der Kitas und Schulen orientiert sich ganz offensichtlich an dem Grundsatz, dass Gebäude als dritte Erzieher anzusehen sind und sich deshalb der pädagogischen Nutzung anzupassen haben.

Fragt man, warum Südtirol selbst in der italienischen Finanzkrise wirtschaftlich so gut aufgestellt ist, dann fällt immer wieder der Hinweis auf den Autonomiestatus, den sich das Land nach dem Zweiten Weltkrieg erkämpft hat. An diesen Status ist das Recht geknüpft, dass 90 % aller staatlich erhobenen Steuern in Südtirol bleiben. Dafür muss Südtirol allerdings die Kosten für das Schul-. Gesundheits- und Verkehrswesen vollständig übernehmen, während die Ausgaben für Polizei und Justiz von der Zentralregierung von Rom finanziert werden. Die Arbeitslosenquote in Südtirol liegt bei marginalen 2%.

Aufgrund des Autonomiestatuts besitzt das Land auch eine sekundäre Gesetzgebungskompetenz im Bereich der Bildungspolitik. Die italienische Zentralregierung setzt zwar primär den rechtlichen Rahmen, ermöglicht aber dem Land, die inhaltliche Ausgestaltung an die regionalen Bedingungen und Verhältnisse anzupassen. Diesem Zusammenspiel von primärer und sekundärer gesetzlicher Kompetenz verdankt Südtirol nach Meinung von Südtiroler Bildungsexperten ein leistungsstarkes Bildungssystem auf der Basis innovativer italienischer Gesetze.

Südtirol kennt demzufolge nach italienischer Vorgabe kein selektiv gegliedertes Schulsystem wie in Österreich oder in Deutschland. Nach der fünfjährigen Grundschule schließt sich eine dreijährige Mittelschule für alle an. Die Aufteilung erfolgt in der Oberstufe, die zum Schuljahr 2011/12 auf der Grundlage eines italienischen Gesetzes reformiert worden ist. Mit dem Abschluss der Mittelschule entscheiden die Schülerinnen und Schüler, ob sie ihren Bildungsweg in einem Gymnasium, einer Fachoberschule oder einer Berufsschule fortsetzen wollen. Auf allen Wegen ist die Matura (das Abitur) erreichbar.

Integration von Kindern mit Behinderungen - eine Selbstverständlichkeit

Auch dafür liefert die italienische Gesetzgebung von 1977 eine hervorragende Grundlage. Mit dem Gesetz 517 wurden die allgemeinen Schulen verpflichtet, Kinder mit Behinderungen aufzunehmen. Dank der wissenschaftlichen Aufklärung durch Comparetti und Basaglia wurden nicht nur die psychiatrischen Anstalten, sondern auch die Sonderschulen abgeschafft. Diese Maßnahme wurde nicht langfristig vorbereitet, sondern traf die Schulen sprichwörtlich über Nacht. Widerstand konnte sich nicht organisieren. Heute gibt es aber niemanden, der die Sinnhaftigkeit dieser Entscheidung in Frage stellt. Ein solches Vorgehen muss also nicht unbedingt von Nachteil sein. „Alle mitzunehmen“, wie es die deutsche Bildungspolitik sich auf die Fahne schreibt, kann bedeuten, dass sich viel zu wenig oder gar nichts bewegt.

Die Feststellung des sonderpädagogischen Förderbedarfs erfolgt durch den Psychologischen Dienst. Im Falle einer Funktionsdiagnose, einem offiziell festgestellten sonderpädagogischen Förderbedarf, hat der Schüler bzw. die Schülerin das Recht auf Unterstützung durch einen Integrationslehrer und wird auf der Basis eines individuellen Erziehungsplans gefördert. Kinder mit Behinderungen lernen in Gruppen, die nicht größer sind als 20 und nicht mehr als 2-4 Schüler/innen mit Behinderungen enthalten.

Mit dem Begriff Inklusion geht man in Südtirol nicht inflationär um wie in Deutschland. Bescheiden und vorsichtig sagen die Bildungsverantwortlichen dort, dass die Schulen sich erst auf dem Weg zu Inklusion befinden. Sie verweisen dabei auf den grundsätzlichen Unterschied zwischen Integration und Inklusion, während deutsche Bildungspolitiker diesen ständig verwischen.

Die achtjährige gemeinsame Schulzeit fördert sichtlich die positive Einstellung der Lehrer/innen zu Inklusion. Den für Lehrer/innen in Deutschland eher typischen Ausspruch „Das müssen wir jetzt auch noch machen!“ hört man in Südtirol nicht. Aber auch hier gibt es noch Differenzen zwischen dem praktischen Unterrichtshandeln und der Inklusionsforderung, das Lernen vom einzelnen Kind aus zu planen und zu gestalten. Darin sind einige Schulen schon weiter als andere.

Das Autonomiegesetz für Schulen als radikale Wende

Auch in Italien hat die Dezentralisierung die traditionelle zentralistische Steuerung der Schulen abgelöst und den Schulen Autonomie beschert.
Artikel 2 des Autonomiegesetzes von 2000 gewährt den Schulen „Autonomie in den Bereichen Didaktik, Organisation, Forschung, Schulentwicklung, Schulversuche, Verwaltung und Finanzen“.

Das Gesetz betont sehr explizit, dass die neuen Freiheitsräume für die Schulen sich in den Dienst des Kindes zu stellen haben. Der Zweck der autonomen Schule besteht eben nicht in einer einseitigen ökonomischen Effizienzsteigerung, sondern in der bestmöglichen Förderung des einzelnen Kindes. Die Schulen werden verpflichtet, Schulprogramme zu entwickeln und sich zu evaluieren und „zweckdienlichen Maßnahmen“ zur Sicherung des Bildungserfolgs zu treffen.

Zu den „zweckdienlichen Maßnahmen“ gehört z.B. eine flexible Gestaltung der Unterrichtszeiten und Tätigkeiten. Dazu gehören auch die Jahrgangsmischung in den Lerngruppen und die Zusammenlegung von Fächern zu Fächerbereichen und Fächerkombinationen. „In Ausübung der didaktischen Autonomie sorgen die Schulen außerdem für das Angebot von Nachhol- und Stützmaßnahmen wie auch für Vorbeugemaßnahmen gegen den frühzeitigen Schulabbruch.“

Neben der Verpflichtung der Schulen zur Zusammenarbeit mit anderen Schulen und mit den lokalen Körperschaften eröffnet das Autonomiegesetz die Möglichkeit, Schulverbünde zu bilden. Besonders bemerkenswert ist auch, dass den Schulen Autonomie der Forschung, der Schulentwicklung und der Schulversuche eingeräumt wird. Damit soll die Qualität der Bildungsangebote weiterentwickelt werden.

Dieses Gesetz hat in Südtirol die radikale Wende zu einer pädagogischen Schulentwicklung vom Kind aus ermöglicht. Die Kitas sind in diesen Entwicklungsprozess vollständig einbezogen, denn das Autonomiegesetz gilt auch für sie.

Die neuen Rahmenrichtlinien –Wegmarken für neues Lernen

Die neuen Rahmenrichtlinien gibt es seit 2009. Sie fordern den Aufbau von Kompetenzen und in Verbindung damit eine konsequente Individualisierung und Personalisierung des Lernens. Dafür ist die Entwicklung herausfordernder Lernaufgaben und guter Lernumgebungen notwendig.

Das Tempo der Umsetzung in den Schulen ist unterschiedlich. In den Grundschulen ist man schon weiter als in den Mittelschulen. Grundschullehrer/innen werden mit den Erzieherinnen zusammen ausgebildet. Sie haben daher eine größere Affinität zum Kind und stellen das Kind und nicht das Fächerlernen ins Zentrum. Dennoch sind die Ziele klar gesetzt und die Schullandschaft ist im Umbruch: weg von Belehrung und Stoffvermittlung hin zu Lernbegleitung und Kompetenzentwicklung, Selbsttätigkeit und Selbstorganisation des Lernens. Das Prinzip der Lernwerkstatt wird genutzt und beginnt in den Kitas.

Schule, Schulsprengel, Schulverbund

Die einzelnen Schulen in Südtirol, insbesondere die Grundschulen, sind sehr klein. Mehrere Grundschulen arbeiten grundsätzlich als Schulsprengel in einem Netzwerk zusammen, dem auch eine Mittelschule angehört. Zusammen bilden sie als Sprengel eine autonome Organisationseinheit, die in der Regel 500-900 Schülerinnen und Schüler umfasst, mit einem gemeinsamen Kollegium und einer gemeinsamen Schulkonferenz. Der Schulsprengel hat die Verpflichtung, ein pädagogisches Profil zu entwickeln und sich intern zu evaluieren. Während die einzelnen Schulen über einen Schulstellenleiter bzw. eine -leiterin verfügen, untersteht der Schulsprengel der Leitung eines Direktors oder einer Direktorin. Sie oder er hat die pädagogische Gesamtverantwortung und ist auch für die Verwaltung des Schulsprengels zuständig ist.

Der Südtiroler Schulbezirk Pustertal mit seinen 13 Schulsprengeln hat das Autonomiegesetz genutzt und einen Schulverbund gegründet, dem sich neben den Schulsprengeln auch alle Kitas und etliche Schulen der Oberstufe freiwillig angeschlossen haben. Er widmet sich schwerpunktmäßig der Umsetzung der Reformen, die mit dem Autonomiegesetz von 2000 eingeleitet wurden und durch die neuen Rahmenrichtlinien und ganz aktuell durch die Neugestaltung der Oberstufe ergänzt worden sind.

Neben vielfältigen Fortbildungsangeboten zur Unterstützung von Lehrerinnen und Lehrern richtet der Schulverbund zur Entlastung der Einzelschulen auch Projektgruppen ein. Z.B. sind auf diese Weise in einer „Denkwerkstatt“ Vorschläge für kompetenzorientierte Schulcurricula entwickelt worden. Ganz aktuell gibt es Projektgruppen zur Umsetzung der Oberstufenreform.

Um die Individualisierung des Lernens in den Schulen zu fördern und ihr nachhaltige Impulse zu geben, hat der Schulverbund Pustertal die Stelle einer Projektleitung geschaffen,. Sie ist verantwortlich für die Erstellung und Einführung herausfordernder Lernaufgaben für eigenständiges und selbstverantwortliches Lernen im Unterricht. Eine beachtliche Zahl an „themenzentrierten Lernpaketen“ ist inzwischen entwickelt worden und jederzeit abrufbar.

Kommunale/ regionale Bildungslandschaften in Deutschland

Das Signal dazu gab in jüngster Zeit der Deutsche Städtetag. Er verabschiedete auf seinem Kongress „Bildung in der Stadt“ 2007 die Aachener Erklärung und forderte eine zentrale Rolle für die Städte bei der Entwicklung „kommunaler Bildungslandschaften“. Damit gemeint ist „ die Gesamtheit aller auf kommunaler Ebene vertretenen Institutionen und Organisationen der Bildung, Erziehung und Betreuung, eingefügt in ein Gesamtkonzept der individuellen und institutionellen Bildungsförderung in Federführung eines kommunalen Verantwortungsträgers“, so der deutsche Verein für öffentliche und private Fürsorge, dem auch die kommunalen Spitzenverbände angehören.

Viele Kommunen und Kreise haben inzwischen auf der Basis dieser Idee kommunale und regionale Bildungsnetzwerke gegründet. Sie versprechen sich durch einen ganzheitlichen Ansatz, der die Bildungsbiografie des einzelnen Kindes als Bezugspunkt nimmt, mehr Bildungsgerechtigkeit und bessere Bildungsergebnisse.

Am Beispiel der Südtiroler Bildungslandschaft wurde gezeigt, dass für das Erreichen dieser Ziele mehrere Faktoren verantwortlich sind: gute Finanzausstattung, integrierte Schulstrukturen, Verzicht auf Sonderschulen, pädagogische Innovation und eine dezentral organisierte und verantwortete Gesamtsteuerung. Es darf bezweifelt werden, dass diese richtigen Ziele allein mit den Mitteln der Vernetzung auf kommunaler und regionaler Ebene erreicht werden können bei einer chronischen Unterfinanzierung der Bildung, in selektiven Schulstrukturen, die pädagogische Innovation eher behindern als fördern, und mit einem Doppelsystem von separierter sonderpädagogischer Förderung und sog. inklusiven Angeboten.

 

Brigitte Schumann

Dr. Brigitte Schumann

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