Die Gesamtschulstiftung fordert Inklusion an allen Schulformen

Die Gesamtschulstiftung fordert Inklusion an allen Schulformen

Die Stiftung hat eine Broschüre über Inklusion an Gesamtschulen in NRW herausgegeben. Damit will sie Lehrkräfte und Schulen dazu ermutigen, Inklusion als Recht jedes Kindes auf gemeinsames Lernen zum Ziel ihres Unterrichts- und Schulentwicklungsprozesses zu machen.

Die Broschüre, unter dem Titel „Zeit für Kinder. Inklusion braucht Zeit“, zeigt in beeindruckenden Praxisberichten und einem Interview, dass Lehrkräfte und Schulen mit dieser Haltung zu Inklusion bereichernde Erfahrungen machen, die zu nachhaltigen Anstößen für professionelle und institutionelle Weiterentwicklung werden. Sie machen aber auch inklusionshinderliche Erfahrungen und stoßen an ihre Grenzen. Die Herausgeber haben daraus Forderungen an die Bildungspolitik abgeleitet und überzeugend begründet.

Inklusion verändert den Blick auf Kinder – Kinder und Lehrkräfte entwickeln sich

Von Angst vor unbekannten Herausforderungen und von Selbstzweifeln, ob man pädagogisch allen Kindern gerecht werden kann, berichten Lehrerinnen und Lehrer. Was hat ihnen geholfen, die anfänglichen Bedenken und Vorbehalte gegen Inklusion zu überwinden? Natürlich die Arbeit im Team. Aber das ist es nicht allein.

Mit der gelebten Praxis haben sie die Schülerinnen und Schüler mit ihren unterschiedlichen individuellen Fähigkeiten und Kompetenzen als wichtige Helfer und Unterstützer bei fachlichen, sozialen und emotionalen Lernprozessen in der heterogenen Gruppe entdeckt. Eine Lehrerin freut sich im Interview über das große Zusammengehörigkeitsgefühl, das in ihrer Klasse in drei Jahren des gemeinsamen Lernens gewachsen ist. Auch sie hat gelernt, Aufgaben an die Gruppe abzugeben. Im Vertrauen auf die Gruppe kann sie selber ihren Aufgaben meistens entspannt nachkommen. Ein Lehrer berichtet von dem problematischen pubertären Verhalten eines Jungen mit einer geistigen und körperlichen Behinderung gegenüber Mädchen. Statt einen Dauerstreit mit pädagogischen Interventionen durchzumachen, konnten die Beteiligten nach Absprache mit dem Lehrer die auftretenden Konfliktsituationen selbständig regeln.

Inklusion sensibilisiert für individuelle Lernprozesse

Lehrkräfte erfahren durch die Inklusion sehr praktisch, was sie theoretisch natürlich wissen: nämlich dass jedes Kind, unabhängig von einer Behinderung, für seine Lernentwicklung seine eigene Zeit braucht und eine normative Fixierung auf das, was Kinder zu bestimmten Zeitpunkten können müssen, unsinnig ist und unnötigen negativen Druck bei allen Beteiligten erzeugt. Sie erleben, dass Kinder sich nicht linear, sondern in Sprüngen entwickeln. So werden Lehrkräfte, die heute durch Leistungstests stark auf Ergebnisorientierung gedrillt werden, durch die Inklusion für individuelle Lernprozesse und individuelle Förderung sensibilisiert. Damit wächst die Bereitschaft Lernformen anzuwenden, die sich den Schülerinnen und Schülern anpassen und nachhaltiges Lernen ermöglichen wie Binnendifferenzierung, zieldifferenzierten Lernens, Individualisierung und kooperatives Lernen.

Die Freude über individuelle Lernfortschritte, unabhängig davon, wie groß oder klein sie sein mögen, steht im Mittelpunkt. Eigentlich ist es ganz einfach. „Die größten Hindernisse für Inklusion liegen in unseren Köpfen“, sagt ein Lehrer.

Schule entwickelt sich durch Inklusion

Einzelkämpfertum war gestern, das ist die eindeutige Botschaft aller Berichte. Teamarbeit in verbindlichen Strukturen und mit klaren Aufgaben wird durch Inklusion unerlässlich. Sie muss durch die Zusammenarbeit von allgemeinen Lehrkräften mit Förderschullehrern erweitert werden. Das verlangt einen Austausch über das professionelle Selbstverständnis der beiden Professionen, die für unterschiedliche Systeme ausgebildet werden. Das verlangt auch eine Verständigung darüber, was guter inklusiver Unterricht ist, und eine gleichberechtigte Zusammenarbeit für die optimale Förderung aller Kinder.

Im Entwicklungsprozess ist die Rolle der Schulleitung entscheidend. Zur Ermutigung des Kollegiums trägt die gemeinsame Vergewisserung der schon erworbenen schulischen Stärken bei. Kollegen mit großer Skepsis gegenüber Inklusion werden nicht ausgegrenzt, sondern angehört und bekommen individuelle Fortbildungsangebote. Zur Unterstützung des inklusiven Prozesses empfiehlt sich die Einrichtung von Steuergruppen. Sie tragen zur Transparenz des Prozesses bei und fördern die Identifikation mit den Entscheidungen.

Wie die Schule von einer „nur verordneten“ zur „selbst gestalteten“ Inklusion gelangen kann, dazu enthält die Broschüre wichtige Anregungen. Als brauchbares Instrument für diesen Prozess gilt der Index für Inklusion. Als geeignete Grundlage für kollegiale Teamarbeit wie für inklusiven Unterricht wird auch eine intensive Fortbildung zu kooperativem Lernen über einen langen Zeitraum empfohlen, die von der Schulleitung unterstützt und rechenschaftslegend begleitet wird.

Unzulängliche politische Rahmenbedingungen müssen verändert werden

Mangelnde Ressourcen dürfen aber nicht gegen die menschenrechtliche Verpflichtung zu Inklusion ausgespielt werden. Das ist die grundsätzliche Botschaft der Gesamtschulstiftung, die sich damit auch gegen politische und gesellschaftliche Kräfte wendet, die die Inklusion mit Ressourcendebatten in Frage stellen bzw. diskreditieren.

Die Gesamtschulstiftung fordert, dass auf dem Weg zu einem inklusiven Schulsystem Inklusion zur Aufgabe aller Schulen und aller Schulformen gemacht und schulaufsichtlich gesteuert wird. Die Personal- und Mittelzuweisung soll über einen Sozialindex erfolgen, der die sozial unspezifische und ungerechte Mittelverteilung an Schulen und die personenbezogene Feststellung von sonderpädagogischer Unterstützung beendet. Klassenverkleinerung, eine phasenweise Doppelbesetzung, Reduktion der Unterrichtsverpflichtung und multiprofessionelles Personal sind für inklusive Unterrichts- und Schulentwicklung ebenso notwendig wie eine Neuorientierung der Lehrerausbildung, die „Inklusion in ihrer umfassenden Bedeutung versteht und nicht auf die Aufnahme behinderter Kinder verkürzt“. Das muss auch für die Fortbildung gelten, die verpflichtend für alle Lehrkräfte an Schulen mit viel Inklusionserfahrung durchgeführt werden soll. „Schulbegleitende Strukturen“ müssen so aufgebaut werden, dass Schulaufsicht, Schulträger und andere Einrichtungen die Schulen unterstützen und zum Gelingen von Inklusion beitragen.

Bildungspolitische Zielperspektive für die Gesamtschulstiftung ist die Schule für alle. Nur in einer Schule für alle kann Inklusion ohne den Widerspruch der Selektion und der sozialen Segregation verwirklicht werden.