Deutsche UNESCO- Kommission hat Expertenkreis Inklusive Bildung gegründet

Interview mit Prof. Dr. Christoph Wulf, Vizepräsident der Deutschen UNESCO-Kommission
Prof. Dr. Christoph Wulf, UNESCO

Die Deutsche UNESCO-Kommission hat einen Expertenkreis „Inklusive Bildung“ gegründet. Er soll die Umsetzung inklusiver Bildung bundesweit durch gemeinsame Initiativen vorantreiben. Der Kreis wird Kompetenz und Erfahrungen, die in der Wissenschaft, Praxis und Politik bereits bestehen, stärker miteinander vernetzen. Der Sprecherrat des Expertenkreises hat erstmals am 13. Juli 2010 in Berlin getagt.

Vorsitzende des Sprecherrates ist Ministerin a.D. Ute Erdsiek-Rave. Zu den Mitgliedern gehören der Bundesbeauftragte für Menschen mit Behinderung, ein Vertreter der Kultusministerkonferenz, der Wissenschaft, der Schule, der Robert Bosch Stiftung, und in beratender Funktion ein Vertreter des Deutschen Instituts für Menschenrechte.

Im nachfolgenden Interview mit Brigitte Schumann hat Prof. Dr. Christoph Wulf, Vizepräsident der Deutschen UNESCO-Kommission, die Positionen der UNESCO erläutert.

Inklusion ist bezogen auf Bildung, Schulen und Schulsysteme lange vor der VN-BRK in zahlreichen Erklärungen der UNESCO definiert und als Konzept dargestellt worden. Besondere Bedeutung für die Verbreitung des Inklusionsgedankens kommt der UNESCO Weltkonferenz von 1994 in Salamanca zu. Was muss sich aus Sicht der Deutschen UNESCO-Kommission ändern?

Wulf: Bisher erhalten in Deutschland nur 16 Prozent aller behinderten Kinder die Möglichkeit
eines gemeinsamen Unterrichts in einer allgemeinen Schule. Das muss sich ändern. Die UN-Behindertenrechtskonvention, die Deutschland 2009 ratifiziert hat, sagt ganz klar, dass jedes Kind das Recht auf gemeinsamen Unterricht in einer allgemeinen Schule hat.

Inklusion muss als übergreifendes Prinzip sowohl die Bildungspolitik als auch die Bildungspraxis leiten. Bereits die Salamanca-Erklärung der UNESCO hat 1994 betont, dass sich die Sonderpädagogik nicht isoliert weiterentwickeln kann. Sie muss Teil einer allgemeinen pädagogischen Strategie sein. Die Konferenzteilnehmer in Salamanca waren sich einig, dass das Konzept der inklusiven Bildung große Reformen in der herkömmlichen Schule erfordere. Das gilt heute noch - auch für Deutschland.

Was ist der Unterschied zwischen Integration und Inklusion?

Wulf: Der Begriff der Inklusion geht weit über den Begriff der Integration hinaus. Es geht nicht nur darum, Kinder mit besonderen Bedürfnissen in bestehende Systeme zu integrieren. Vielmehr müssen die Systeme so gestaltet werden, dass sie sich den verschiedenen Bedürfnissen von Kindern flexibel anpassen können. Alle Kinder müssen am Schulleben teilhaben können. Dafür müssen sie aktiv am Unterricht teilnehmen und in die Lage versetzt werden, bestimmte Lernziele zu erreichen. Erst, wenn Bildungssysteme dies für alle Kinder leisten, können wir von Bildungsgerechtigkeit sprechen.

Welche Gründe sprechen aus Sicht der Deutschen UNESCO-Kommission für eine inklusive Bildung?

Wulf: Lassen Sie mich drei zentrale Gründe nennen. Zunächst ein pädagogischer Aspekt: Da inklusive Schulen alle Kinder gemeinsam unterrichten, müssen sie im Unterricht auf individuelle Unterschiede eingehen. Davon profitieren alle Kinder. Die zweite Begründung ist sozialer Natur: Inklusive Schulen wollen durch den gemeinsamen Unterricht erreichen, dass Kinder Vielfalt als normal erleben. Sie können dadurch einen Beitrag zu einer weniger diskriminierende Gesellschaft leisten. Drittens gibt es eine ökonomische Begründung, die insbesondere in Zeiten der Finanz- und Wirtschaftskrise wichtig ist: Es ist weniger kostenintensiv, Schulen einzuführen, die alle Kinder gemeinsam unterrichten, als ein komplexes System unterschiedlicher Schultypen zu erhalten, die jeweils auf verschiedene Gruppen spezialisiert sind. Allerdings muss vermieden werden, dass unter Bezug auf das Konzept der inklusiven Bildung Stellen aus dem Bildungsbereich abgezogen werden; stattdessen müssen in einem inklusiven Bildungssystem frei werdende Stellen zur Förderung von Kindern mit Behinderungen eingesetzt werden.

Die Deutsche UNESCO-Kommission hat einen Expertenkreis „Inklusive Bildung“ ins Leben gerufen. Was wollen Sie mit diesem erreichen?

Wulf: Durch die UN-Behindertenrechtskonvention wurde bereits einiges erreicht. Die Medien haben das Thema aufgegriffen und der Begriff Inklusion – vor einiger Zeit noch für viele ein Fremdwort – wird immer häufiger verwendet. In der Praxis und der Wissenschaft ist inzwischen viel Wissen zur inklusiven Bildung vorhanden. Auch die politische Debatte gewinnt an Fahrt. Mit dem Expertenkreis möchten wir versuchen, diese wertvollen Erfahrungen zusammenzutragen und stärker miteinander zu verknüpfen. Der Inklusionsgedanke muss in Deutschland weiter gestärkt werden.

 

Dr. Brigitte Schumann
ifenici@aol.com