20 Jahre Kooperatives Lernen – eine kanadische Idee

GREEN-KONZEPT
koop

Vor 20 Jahren begannen zwei kanadische Pädagogen, die Idee und das Konzept Kooperativen Lernens in deutsche Schulen zu tragen. Was ist aus dem Erbe von Kathy und Norm Green geworden?

 

Mit dieser Frage befasste sich vom 18. bis 20. November der dreitägige Workshop-Kongress in der Johanniter-Akademie in Münster unter dem wegweisenden Titel „Bildung: kooperativ, inklusiv, effektiv“.

Die GEW in NRW,  Green-Institute, die Johanniter und die Primus-Schule Münster sorgten als bunte Veranstaltergemeinschaft dafür, dass Kooperatives Lernen nicht nur theoretisch reflektiert, sondern auf vielfältige Weise erfahrbar wurde. Schulhospitationen, Qualifizierungsangebote, Vorträge und Workshops brachten Menschen aus unterschiedlichen Bildungsbereichen zusammen.

20 Jahre Kooperatives Lernen 

Dies war willkommener Anlass für eine (selbst-)kritische Bestandsaufnahme und für perspektivische Überlegungen, aber auch rückblickend Grund für Dankbarkeit und eine Feier am Rande des Kongresses.

Tausende von Lehrerinnen und Lehrern in ganz Deutschland wurden in den letzten beiden Jahrzehnten nach dem Green-Konzept ausgebildet, Green-Institute wurden für die Moderatorenausbildung errichtet. Die Prinzipien des Kooperativen Lernens fanden auch Eingang in die Arbeit von Kitas. Seit 2012 arbeiten die Kitas der Johanniter nach der Konzeption von Green. Die GEW hat sich von Anfang an für die Verbreitung der Konzeption in den Schulen eingesetzt. An dieses Engagement, das bis heute gilt, erinnerte der ehemalige Vorsitzende der GEW und derzeitige DGB-Chef in NRW, Andreas Meyer-Lauber, auf sehr persönliche Weise.

Während in Kanada die Innovation des Kooperativen Lernens nach 35 erfolgreichen Jahren mit dem Generationswechsel in den Schulen und in der Administration an Bedeutung verloren habe, freute sich Kathy Green in ihrer Videobotschaft an die Kongressteilnehmerinnen und -teilnehmer, dass in Deutschland nach 20 Jahren das Kooperative Lernen einen festen Platz in den Schulen gefunden habe. Auch Prof. Barrie Bennett, kanadischer Schulentwickler und enger Freund von Norm Green, schloss sich in seinem Vortrag dieser Auffassung an. Beide betonten die Wichtigkeit, die Idee so zu verankern, dass sie nicht mit dem Abgang von Personen in Frage gestellt werden kann.   

Das Green-Konzept

Der Kongress machte deutlich, nicht überall, wo Kooperatives Lernen drauf steht, muss es drin sein. Es darf nicht mit dem, was landläufig unter Gruppenarbeit firmiert, gleichgesetzt werden. Der verstorbene Norm Green wird gerne mit dem Satz zitiert: „Nur weil wir Schülerinnen und Schüler in Gruppen einteilen, heißt das noch nicht, dass sie als Team zusammenarbeiten.“ 
Fünf Basiselemente sind konstitutiv für das von ihm entwickelte Konzept des Kooperativen Lernens: die positive Abhängigkeit, die dann gegeben ist, wenn die gestellten Aufgaben nur gemeinsam erfolgreich gelöst werden können; die unterstützende face-to-face Interaktion in der Gruppe bei der Verrichtung der Arbeit; die Integration der individuellen und der Gruppenverantwortlichkeit; die angemessene Kommunikation und der Umgang mit Konflikten in der Gruppe; die gemeinsame Reflexion der Gruppenprozesse und die Bewertung der geleisteten Arbeit.

Weil der Konzeption ein konstruktivistisches Verständnis von Lernen zugrundliegt und Lernen eben nicht mehr als Folge von Lehren gesehen wird, sind die Gruppenprozesse beim Kooperativen Lernen mindestens genauso wichtig wie die Arbeitsprodukte. Insgesamt verlangt Kooperatives Lernen in Schulen eine Haltungsänderung der Lehrkräfte, der Schülerinnen und Schüler und der Institution. Lehrerinnen und Lehrer werden zu Lernbegleitern, Schülerinnen und Schüler entwickeln sich zu selbständigen Akteuren, die sich gegenseitig unterstützen und Hilfe einfordern, wenn sie sie brauchen und die Institution begreift sich als lernende Organisation.   

Gutes Beispiel: die Kitas der JOHANNITER 

Was hat der Vorgang des Wickelns von Kleinkindern in Krippen mit Kooperativem Lernen zu tun? Ralf Sick, Bereichsleiter für Bildung, erläuterte dies in seinem Vortrag mit einem Windelpaket in der Hand. Wickeln, so Sick, ist mehr als ein hygienischer Akt. „Es ist Qualitätszeit, Beziehungsaufbau und –pflege, ein wertvoller Moment in der alltagsintegrierten Sprachbildung und soll partizipativ gestaltet werden.“ Eine Versorgung nach der Mentalität des „Satt und Sauber“ gibt es in den Kitas der Johanniter nicht. Auch das Wickeln wird individuell dem Kind angepasst. Es wird nicht aus seinen Aktivitäten herausgerissen, nur weil die Institution festgesetzte Wickelzeiten vorgibt.

Wie ist man zur Idee des Kooperativen Lernens gekommen? Die christliche Identität der Johanniter-Kita lautet: „Du bist geliebt, du bist einzigartig, du bist mehr als deine Leistung, Ich-Du-Wir entwickeln uns zu einer gelingenden Gemeinschaft.“ Dazu passt, wie Sick überzeugend erläuterte, die Kooperationskultur des Kooperativen Lernens. Seit 2012 arbeiten die Johanniter daran, ihre gesamte Organisation an der Idee des Kooperativen Lernens auszurichten.

Bei diesem Entwicklungsprozess geht es zuallererst darum, die kooperative Haltung und Einstellung in den Einrichtungen, den Teams und den Köpfen der einzelnen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu entwickeln und alltagsintegriert zu leben. Aus den Erfahrungen der Johanniter konnte Sick als Impuls für andere Bildungseinrichtungen formulieren: „Zuerst die Haltung, dann die Methode … schon bei der Implementierung.“

Gutes Beispiel: die Primus-Schule Münster

Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Kongresses konnten in der Primus-Schule hospitieren und sich in einem Workshop mit dem besonderen pädagogischen Konzept der Schule auseinandersetzen. Seit dem Schuljahr 2013/14 wird an zwei Standorten das durchgängige, bruchlose gemeinsame Lernen ohne Selektionshürde im Modellversuch erprobt.

Ausgangspunkt und Modell für die Primus-Schule ist die bewährte pädagogische Praxis in der inklusiven Gemeinschaftsgrundschule Berg Fidel, in der jedes Kind willkommen ist und kein Kind „über Bord geht“. Die Heterogenität der Kinder wird in jahrgangsgemischten Gruppen für das Lernen im Unterricht und in den freien Arbeitsphasen unter strukturierten Bedingungen effektiv genutzt. Feste Teams unterstützen die Kinder in ihrer Lern- und Persönlichkeitsentwicklung.

Die Schule hat die Erfahrung gemacht, dass das freie Arbeiten mit einem gemeinsamen Gegenstand für ein ausbalanciertes individuelles und gemeinsames Arbeiten geeignet ist. Der gemeinsame Gegenstand mit unterschiedlichen Zugangsweisen ermöglicht Kindern unterschiedlichen Alters, kooperativ und kommunikativ voneinander zu lernen, sich intensiv einer Sache im Gespräch zu widmen und den Dingen vertiefend auf den Grund zu gehen.

Die Methoden des Kooperativen Lernens werden nicht eingesetzt, um „Schüler bei der Stange zu halten“, wie das im Regelschulunterricht häufig zu beobachten ist, betonte Reinhard Stähling, Leiter der Primus-Schule. Sie werden gebraucht, weil das schulische Lernen in der Gemeinschaft der Primus-Schule auf das Voneinanderlernen der Lernenden angewiesen ist. 

Kritische Zeitreise von PISA nach Münster

In etlichen Beiträgen und Gesprächen wurde die Sorge über eine Verwässerung und Verflachung der kooperativen Idee artikuliert. Ohne eine entwickelte Kooperationskultur würde die Idee auf die Anwendung von kooperativen Methoden reduziert und diente damit nur der Optimierung des bestehenden Unterrichts und der bestehenden Schulverhältnisse.

In seinem Vortrag „Talkin´about a revolution“ nahm Peter Blomert, Leiter einer Gesamtschule in Mönchen-Gladbach und im Vorstand des dortigen Green-Instituts, das Kooperative Lernen im deutschen Schulsystem unter die Lupe. Ausgehend von PISA 2000 skizzierte er die Anfänge und die Entwicklung des Kooperativen Lernens. Er erzählte, wie das Kooperative Lernen mit Norm Green nach Mönchen-Gladbach kam und wie sich erstmals 60 Menschen zu einer dreitägigen Fortbildung in den Räumlichkeiten der dortigen Sparkasse zusammenfanden. „Es fühlte sich nach Revolution an“, schwärmte er als überzeugter und begeisterter Anhänger der Idee und berichtete von der Verbreitung des Green-Konzepts in vielen deutschen Städten weit über NRW hinaus. 

Die Idee, so Blomert, sei aber mit dem PISA-Druck abhandengekommen. Es ging strategisch nicht um eine bessere Schule, sondern um Verbesserung im Leistungsranking. Schülerinnen und Schüler wurden mit Methoden des selbständigen kooperativen Lernens am Gängelband eines kontrollierenden Unterrichts geführt. Sie durften Präsentationen zu Lernergebnissen aus dem alltäglichen Unterricht machen und sich in Schülerversammlungen treffen, um sich besser mit ihrer Schule zu identifizieren.

„Wir haben keine Revolution. Wir stoßen an eine Glasdecke und stoßen nicht durch“, denn nicht die Idee, sondern lediglich Verbesserungen im System seien zum Ziel geworden. Am Ende schloss Blomert mit der Aufforderung, die Spannung zwischen der Idee und dem System zu erkennen und auszuhalten. 

Kooperatives und inklusives Lernen im Spannungsverhältnis zum schulischen System    

In der abschließenden Podiumsdiskussion wurde das Spannungsverhältnis aus unterschiedlichen Perspektiven angesprochen. Die Kooperationskultur, die sich mit dem Kooperativen Lernen verbindet, hat sich gegen die schulische Lernkultur durchzusetzen, die unsere Lehrkräfte geprägt hat, betonte Prof. Dietlind Vanier. Mit dem Hinweis „Teachers teach the way they were taught“ machtedie Bildungswissenschaftlerin, Expertin für Kooperatives Lernen und maßgeblich Beteiligte an der Planung und Durchführung des Kongresses, auf diese Problematik aufmerksam. Sie erklärte damit, warum es bei all den Vorzügen des Kooperativen Lernens noch nicht gelungen sei, die weitgehende Dominanz des lehrergesteuerten, passiven Lernens zu überwinden. Für Veränderungen brauche man einen ganz langen Atem und müsse „dicke Bretter bohren“. Schließlich sei das Kooperative Lernen ein komplexes Konzept und erfülle nicht die Erwartungen von Lehrern, die nur nach einer methodischen Optimierung ihres Unterrichts suchten, aber ansonsten wenig Wert auf Kooperation und Teamarbeit in ihrer Schule legten.

Da stimmte der Hinweis von Thomas Kremers, Gesamtschullehrer, Fachleiter und Trainer für Kooperatives Lernen, ein wenig optimistisch. Er berichtete, dass ein Drittel der Referendare aus dem Studium kooperative Vorerfahrungen mitbrächten und diese auch in ihre Ausbildungsschulen trügen. Die Arbeit mit den Ausbildungsschulen sah er als eine gute Verzahnung für eine systemische Veränderung der Schulen. Unüberhörbar war sein politischer Anspruch, dass das Schulministerium wieder in die Fortbildung für Kooperatives Lernen investieren müsse. Um Kooperatives Lernen richtig umsetzen zu können, bedürfe es einer dreijährigen Begleitung der Schulen durch Fortbildung.

Selektion als Barriere

Reinhard Stähling bezeichnete das selektive Regelschulsystem als Barriere für kooperatives und inklusives Lernen. Er betonte den Zusammenhang von Gemeinsamem Lernen und Kooperativem Lernen, der an der PRIMUS-Modellschule gelebt werde. In seiner Schule würden ganz im Sinne von Norm Green starke Gemeinschaften gebildet. Das sei das tragende Lebensmotto seiner Schule.

Die stellvertretende Vorsitzende der GEW in NRW, Maike Finnern, konnte sich mit der lakonischen Feststellung anschließen, dass die Selektion im Schulsystem per se hinderlich sei. Auch die bildungspolitische Orientierung am Output sei nicht hilfreich und werde von der GEW abgelehnt. Sie stellte ins Zentrum ihrer Ausführungen, dass es im System an der Ressource Zeit und damit an einer ganz praktischen Voraussetzung für die Umsetzung von Kooperation und Teamarbeit fehle. Grundsätzlich sei eine kooperative Ausrichtung und Entwicklung an allen Schulformen möglich.   

Schule als „lernbehindernde Anstalt“

Der Filmemacher Reinhard Kahl bereicherte die Debatte seinerseits mit bewusst provokativen Aussagen zu den „Bildungsanstalten“, in denen man sehr weit weg vom Selbstverständlichen sei. Das Selbstverständliche gelte es zu entdecken. Dazu gehöre, dass der Mensch ein „kooperierendes Tier“ sei. Die unvollkommene Wirklichkeit, wo „etwas dazwischen kommt“, ist unser Potenzial. Schulen müssten Orte werden, wo etwas dazwischen kommen darf. „Aber wie soll das bloß gehen, wenn Kinder auf dem ,heiligen Gymnasium‘ in Klasse 9 Unterricht in 13 Fächern haben?“

 Aus kanadischer Sicht konnte Barrie Bennett mit seinen erfrischenden Kommentaren die Besonderheiten und Absurditäten des deutschen Schulsystems auf den Punkt bringen. Zum deutschen Notensystem fiel ihm ein: „Wenn ich meine Frau küsse, möchte ich nicht ‚4‘ von ihr hören, sondern eine Resonanz haben, zu, Beispiel: Küss mich ein bisschen länger.“   

Das bildungspolitische Narrativ

Rainer Michaelis, der in Vertretung von Schulministerin Sylvia Löhrmann teilnahm, sah das Potenzial des Kooperativen Lernens als „Gelenkstelle für Unterricht“. Es sei eine Haltung und eine andere Herangehensweise, habe Konsequenzen für das Schulleben insgesamt und beeinflusse auch die Leistung. Allerdings seien positive Effekte nur schwer messbar, da zu viele Faktoren gleichzeitig wirkten.

Er sah auch Übereinstimmungen zwischen dem Kooperativen Lernen und der Inklusion, aber am Ende trug er doch wieder das bildungspolitische Narrativ von der Gesamtverantwortung vor. Möglichst viele unterschiedliche Akteure müssten „ins Boot“ geholt werden. Das Bildungssystem könne nicht einfach auf Null geschaltet werden. Außerdem müsse man nüchtern feststellen, dass das Gemeinsame Lernen nicht immer den Unterricht oder gar das Gesamtsystem einer Schule verändere. Zusammenhänge zwischen dem von ihm kritisierten Sachverhalt und dem fehlenden bildungspolitischen Transformationswillen thematisierte er allerdings nicht.  

Widerspruch statt Resignation

Als mutige und gleichzeitig ermutigende Gegenrede zu den von Michaelis formulierten Einwänden verstand sich der Beitrag eines Vaters. Seine Tochter habe nach der für sie deprimierenden Erfahrung in der Grundschulzeit, nicht „gut genug“ zu sein, in der Primus-Schule Lernfreude entdeckt und ihr Selbstvertrauen wiedergewonnen. Gegen ausgeklügelte statistische Verfahren zur Messung von Effektstärken forderte er dazu auf, die Kinder mit ihren Bedürfnissen ins Zentrum zu stellen und zum Maßstab zu machen.

Am Ende hatte man den Eindruck, dass der keineswegs resignative Appell von Blomert, es gelte, die Spannung zwischen der Idee und dem System zu erkennen und auszuhalten, sich in der Diskussion und dem gesamten Kongress widerspiegelte.